Sind die wilden Zeiten vorbei, Johnny Depp? (Glamour 19/03)
Selbstzerstörerische Partys feiert er schon lange nicht mehr. Was nicht heißen soll, dass Johnny Depp langweilig geworden ist. Im Gegenteil: Nicht nur seine Kinder halten ihn in diesen Tagen für einen echten Piraten.
Johnny Depp: Sie kommen doch aus Europa. Ist es okay für Sie, wenn ich rauche?
Glamour: Nur zu.
Johnny Depp kramt Tabak und Papier raus und dreht sich erst mal eine Zigarette. Zeit, ihn ein
wenig genauer anzusehen.
Er trägt ein Jeanshemnd unter einer schwarzen Nadelstreifenweste,
darüber eine braune Wildlederjacke. Seine Jeans ist an den Knien aufgerissen, die blondierten,
halblangen Haare versteckt er unter einer blauen Wollmütze - sein Markenzeichen. In der
nächsten Stunde wird er oft lächeln und einen sehr zufriedenen, ausgeglichenen Eindruck
machen. Die Zigarette ist fertig, Johnny Depp zündet sie an, nimmt einen Zug. Es kann
losgehen.
Sie sind vor kurzem 40 geworden. Spüren Sie erste Anzeichen für eine Midlife-Crisis?
Im Gegenteil, es fühlt sich großartig an. Wie ein Neuanfang. Ich glaube, dass ich meine erste
Krise schon mit 10 hatte. Gott sei Dank entdeckte ich dann das Gitarrespielen.
Es gab eine Zeit, da las man mehr über Ihre Drogen- und Alkohol-Exzesse als über ihre Filme...
Ja, komisch, oder?
Heute tauchen Sie kaum mehr in den Schlagzeilen auf. Mussten Sie erst eine Rebellenphase durchmachen, bevor Sie Ihren Weg gefunden haben?
Wahrscheinlich. Aber aus meiner heutigen Sicht habe ich gar keine Rebellenphase durchgemacht.
Vielleicht in der High School, aber da wurde ich noch nicht von Paparazzi verfolgt.
Wie beurteilen Sie rückblickend Ihre wilden Jahre?
Ich war verwirrt und hatte keine Ahnung, was ich mit meinem Leben anfangen sollte. Mir fehlte die Perspektive. Ich wusste, dass Karriere, Erfolg und Geld nicht alles sein können. Dabei war ich nie der große Partygänger. All die zerstörerischen Aktionen sollten mich nur betäuben. Ich fühlte mich als Freak, ohne den Luxus der Anonymität. Hinzu kam, dass ich schon immer ein wenig schüchtern war. Und plötzlich zeigten die Leute mit den Fingern auf mich und fingen an zu tuscheln. Das hat mich noch dünnhäutiger gemacht.
Wie sind Sie aus diesem Teufelskreis wieder herausgekommen?
Glücklicherweise hatte ich Freunde, die mir gesagt haben, dass ich mich selbst kaputt mache. Heute sehe ich diese Kapriolen als reine Zeitverschwendung an. Aber sie waren wohl notwendig.
Als Sie Vanessa Paradis kennen lernten, was passierte da?
Ich sah plötzlich alles viel klarer. Als unsere Tochter Lily-Rose geboren wurde, war es für mich, als ob sich der Nebel vor meinen Augen verziehen würde. Ich merkte: "Okay, jetzt beginnt mein Leben. Die letzten 20 Jahre war ich ein dummer Arsch.."
Sie leben seit fünf Jahren mit Ihrer Familie in Südfrankreich. Vermissen Sie Amerika manchmal?
Ab und zu würde ich gerne mit meinem Auto durch die Wüste brettern. In Frankreich sind die Straßen leider zu eng. Dafür gibt es eine endlose Liste mit Vorteilen: das Essen, den Wein natürlich, überhaupt die Lebensqualität. Frankreich hat mir die Möglichkeit gegeben, einfach der Vater meiner Kinder zu sein.
Und alles ohne die Aufmerksamkeit der Medien...
Zumindest da, wo wir leben. In Paris ist es genau so wie in Hollywood. Aber im Süden Frankreichs bin ich so weit weg von allem, dass ich gar nichts mitbekomme. Ich weiß auch nicht, wer gerade berühmt ist, oder wer out ist. Ich weiß nicht, wer erfolgreich ist, oder wie viel der oder die bekommt. Ist das nicht paradiesisch? Ich ignoriere das alles und zerbreche mir nicht den Kopf darüber, was die anderen machen. Übrig bleibt die Arbeit und die nehme ich sehr ernst.
In "Fluch der Karibik" spielen Sie einen Piraten, der ein wenig neben der Spur zu sein scheint. Woher nahmen Sie die Inspiration für diesen Jack Sparrow?
Ich las das Drehbuch in meiner Sauna in Frankreich bei extremer Hitze und dachte mir, vielleicht ist Sparrow auch ein Opfer der ewig wechselnden Natur und sein Gehirn ist auch schon ein bisschen angebraten. Zudem eilte den Piraten imme ihr eigener Mythos voraus. Deswegen lehnte ich die Rolle des Sparrow ein wenig an meinen alten Freund Keith Richards an.
Haben Sie ihn vorher gefragt?
Nein, ich imitiere ihn ja nicht. Sparrow ist keine Charakterstudie von Keith. Ich nutze nur bestimmte Eigenschaften, die ich an ihm liebe. Seine Selbstsicherheit, seine Würde. Es ist mehr eine Hommage an ihn.
Wie reagierten die Studiobosse, als sie die ersten Szenen mit Ihnen sahen?
Sie dachten, ich wäre betrunken. Den schwarzen Lidschatten und die Rastalocken sollte ich ganz schnell vergessen. Aber ich lasse mir nun mal bei meinen Rollen nicht reinreden.
Wissen Ihre Kinder eigentlich, wie ihr Daddy sein Geld verdient?
Es ist noch nicht in ihrer Welt angekommen. Unsere Tochter hat ihre Mami auf der Bühne singen sehen. Sie weiß also inzwischen, dass Mami Sängerin ist. Und sie denkt wirklich, dass Daddy ein Pirat ist. Das hat sie jedenfalls letzte Woche Freunden von uns erzählt.
Ursprünglich wollten Sie ja mal Musiker werden. Stimmt es, dass Sie in L. A. Filzstifte übers Telefon verkauften, als es mit der Karriere als Rockstar nicht klappen wollte?
Ja, wir hatten zu wenige Auftritte. Können Sie sich mich als Verkäufer für Filzstifte am Telefon vorstellen? Diese aggressive Anbieterei! Furchtbar, ich war grauenhaft schlecht in diesem Job, völlig unmotiviert. Manchmal habe ich aus lauter Frust das Telefon an die Wand geworfen.
Wie kamen Sie dann zur Schauspielerei?
Nicolas Cage, der mich bei sich übernachten ließ, hat mir dazu geraten. An diesem Punkt in meinem Leben hätte ich alles gemacht.
Sie waren erst 22, als ihre erste Ehe mit Lori Anne Allison in die Brüche ging. Dann waren Sie jahrelang mit Winona Ryder und Kate Moss zusammen. Werden Sie Vanessa heiraten?
Ich hätte nichts dagegen, wenn sie will. Für mich ist das nur ein Stück Papier. Wir sind ja quasi verheiratet. Vanessa Paradis ist meine Freu und unsere Kinder heißen Depp mit Nachnamen. Ich glaube, dass sie glücklich damit ist. Außerdem kann ich doch ihren Namen nicht verhunzen. Vanessa hat so einen schönen Nachnamen.